Jürgen Wittdorf: Holzschnitte 

Jürgen Wittdorf ist vor allem für seine Holz- und Linolschnitte aus "Zyklus für die Jugend" und 

"Zyklus Jugend und Sport" bekannt. Aber auch seine Blattfolge "Tiermütter" erfreut sich großer Beliebtheit. 

 

In seinen Werken kann man erkennen wieviel Anstrengung und Ausdauer, wieviel Kraft und Arbeitszeit in einem einzigen grafischen Blatt stecken. Was in den Holzschnitten des Künstlers typisch und in der knappen Formgebung einprägsam erscheint, worin auch viel kritischer Witz steckt, ist nicht Ergebnis eines launigen Einfalls, sondern aus einer Unsumme von Vorarbeit verdichtet. 

 

Viele seiner Holzschnitte und auch Zeichnungen sind in Abbildungen und Illustrationen von Büchern der ehemaligen DDR zu entdecken. Mit den Titeln seiner Werke hat es Wittdorf oft nicht so genau genommen, so tauchen einige seiner Bilder unter verschiedenen Namen auf.

Abb.:
Wittdorf, Jürgen: "Sommer in Mecklenburg" (Carwitzer See), farbiger Holzschnitt, 1967, Blatt 80x60cm.

 

Zyklus für die Jugend         Zyklus Jugend und Sport    Blattfolge Tiermütter 

Zyklus für die Jugend

Im Zyklus für die Jugend bricht Wittdorf durch seine neun Holzschnitte mit allen damaligen Konventionen einer Darstellung der Jugend mit sogenannten Halbstarken, die den gängigen Moralvorstellungen und Geschlechterrollen zu widersprechen scheinen. Der Zyklus entstand zwischen 1960 und 1962 als freie Arbeit und bescherte Wittdorf 1963 die Auszeichnung mit der Erich-Weinert-Medaille (Kunstpreis der FDJ), gemeinsam mit den Schauspielern Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl.

Er schuf mit diesem Zyklus eine der in den 60er Jahren meistbesprochenen Grafikfolgen, die bereits auf der Fünfte Deutsche Kustausstellung Dresden 1962 gezeigt wurde. Dieser verdienten Anerkennung gingen nicht zu unterschätzende, zahlreiche ernsthafte Kompositionsübungen voraus. Ein Teil der Kritiker lehnte die Blätter jedoch ab, da sie nicht den Moral- und Lebensansichten in der damaligen DDR entsprachen und angeblich von zu starkem Westeinfluss geprägt waren.

Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Volker Braun konnte mir 2020 in einem persönlichen Gespräch bestätigen, dass er sich von dem Zyklus für die Jugend zu seinem Gedichtband "Provokation für mich" (1965) weitestgehend inspirieren lassen hat. Konkrete Bezüge zu den Blättern (Motorradfahrer-Ikone) lassen sich jedoch nur in einem Gedicht (Adonis) der Erstausgabe (nicht in den Folgeauflagen) finden.   

Quelle: 
1. Hütt,Wolfgang (1965): Junge bildende Künstler der DDR. VEB Bibliographisches Institut Leipzig. 

Wittdorf, Jürgen: Gruppe mit Fahrrädern, 1961, Holzschnitt. Handabreibung auf Japanpapier, Blatt 97 x 70 cm, signiert Wittdorf 61, II. Auflage (9/12). Aus "Zyklus für die Jugend".

Der Holzschnitt "Gruppe mit Fahrrädern" zeigt fünf junge Männer, die lässig im Kreis stehen und an oder auf ihren Rädern lehnen. Die männlichen Posen und Kleidungsstile werden in ihrer Unterschiedlichkeit scharfsinnig durchdekliniert. 

 

Es gibt zwar Blicke, die jeweils einen der anderen Radfahrer treffen, aber keiner wird erwidert. Diese scheinbar zufällige Konstellation hat Wittdorf mit Bedacht konstruiert. Obwohl die Gruppe so dicht beieinander steht, kommt es bewußt zu keinerlei Berührung. Das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit und die gleichzeitige Einsamkeit der Personen werden so subliminal und doch kraftvoll ins Bild gesetzt. 

 

Das Wissen, daß der Künstler die Modelle auch mehrfach nackt neben ihren Rädern Modell stehen liess (es existieren zahlreiche Vórabskizzen und Studien hierzu) unterstreicht die von Andreas Sternweiler umfangreich besprochene homoerotische Komponente dieser, aber auch anderer Arbeiten. 

Quellen: 
1. Sternweiler, Andreas (2004): Um Berührung zu vermeiden. SMU Berlin. 

Wittdorf, Jürgen: Noch kein Bartwuchs und schon Vater, 1961, Holzschnitt. Blatt 60 x 80 cm, signiert Wittdorf 61, Auflage unbekannt. Aus "Zyklus für die Jugend".

Zu dem jungen Vater, der in der einen Hand das Netz und auf dem Arm sein Kind trägt ("Noch kein Bartwuchs und schon Vater"), gibt es Bewegungsstudien, die vom bekleideten Modell bis zum Akt reichen.  Der Grafiker hat sich letzte Klarheit über die Schrittstellung und die Armhaltung verschafft, den anatomischen Bau ebenso wie den individuellen gestischen Ausdruck seines Modells studiert, dessen Portrait gezeichnet und so aus dem visuellen Eindruck jenen typischen Ausdruck gelöst, der für junge Menschen in diesen Jahren charakteristisch ist.  Das gab Jürgen Wittdorf die Sicherheit, die Figur als Form wie ein Ornament ins Blatt zu stellen, gleichzeitig durch erzählende Details die Situation zu bezeichnen und die Lust vieler Betrachter am Gegenständlichen zu befriedigen. Der zeichnerische Strich ist so knapp, wie er nur sein kann, wenn er aus konzenrierter Anschauung und strenger Übung abstrahiert wird.  

Wittdorf, Jürgen: Sozia, 1961, Holzschnitt. 80 x 60 cm, signiert Wittdorf. Aus "Zyklus für die Jugend". 

Wittdorfs "Sozia" zeigt im Zyklus für die Jugend ein junges Paar, das eng aneinander gedrängt auf einem Motorrad fährt und dem die Konventionen der damaligen DDR egal zu sein scheinen.  

 Wittdorf, Jürgen: Drei Jugendliche 1961, Holzschnitt. Blatt 50 x 60 cm, signiert Wittdorf 61, 3/20. Aus "Zyklus für die Jugend".

Auch bei den drei lässigen Halbstarken, findet - ähnlich wie bei der Gruppe mit Fahrrädern - keinerlei Berühung oder gegenseitige sichtbare Interaktion statt. Dennoch strahlt diese Konstellation eine hohe intrapersonelle Spannung aus, die kurz vor der interpersonellen Transformation zu sein scheint und möglicherweise erst ausserhalb des Bildes stattfinden mag.  

 

Wittdorf, Jürgen: In der Haustür, 1961, Holzschnitt. Blatt 61 x 80 cm, signiert Wittdorf 61, Auflage unbekannt. Aus "Zyklus für die Jugend". 

Vorstellung des "Zyklus für die Jugend" vor den Werktätigen des Kombinats Otto Grotewohl. 

Zyklus Jugend und Sport 

Der Holz- und Linolschnitt-Zyklus Jugend und Sport, den Wittdorf 1962 als offiziellen Auftrag für den Neubau der Deutschen Hochschule für Körperkultur erhielt, bildete einen der Höhepunkte seines künstlerischen Schaffens. Er sah vor, für das Treppenhaus der im Bau befindlichen Sporthochschule einen Grafikzyklus von fünf Blättern zu erstellen.

Wittdorf, Jürgen: Unter der Dusche, 1964, Holzschnitt. Handabreibung auf Japanpapier, Blatt 97 x 70 cm, signiert Wittdorf 64, II. Auflage (14 Stück). Aus "Zyklus Jugend und Sport".

Das wohl traditionellste Bild der Serie zeigt Sportler "Unter der Dusche". Es zitiert das Thema der Badenden und die paradiesische Nacktheit. Ursprünglich war ein Blick in den Umkleidebereich der Hochschule geplant, im Vordergrund noch angezogene Sportler und im Hintergrund einige bereits beim Duschen. Diese Darstellungsweise wurde in den Beratungen mit den Auftraggebern als zu vielschichtig verworfen. Berührungen zwischen den Sportlern finden in diesem Werk von Wittdorf explizit nicht statt. Jeder der sieben Duschenden steht für sich allein, hat die Hände über oder hinter sich gefaltet oder an seinen eigenen Körper geführt. 

Quelle: Sternweiler, Andreas (2004): Um Berührung zu vermeiden. SMU Berlin.

 Wittdorf, Jürgen: Trainingsgespräch, 1964, Holzschnitt. Handabreibung auf Japanpapier, Blatt 82 x 63 cm, signiert Wittdorf 64. Auflage vermutlich 20. Aus "Zyklus Jugend und Sport".

Der Holzschnitt "Trainingsgespräch" behandelt das Thema eines lesenden Männerpaares. Auf Wittdorfs Blatt wird das gemeinsame Lesen zur Metapher männlicher Freundschaft und Intimität. Eine Berührung zwischen den beiden nur mit Badehose bekleideten Personen wird auch hier vermieden. 

Blattfolge Tiermütter

Jürgen Wittdorf hat zwischen 1957 und 1958 schon früh mit der Blattfolge Tiermütter eine wunderbare Serie von fünf Holzschnitten geschaffen. Drei dieser Motive wurden bereits auf der Vierte Deutsche Kustausstellung Dresden 1958 gezeigt. Seine Begeisterung für Tiere hat ihn bis ins hohe Alter begleitet und ihn zu zahlreichen Zoobesuchen motivieren können.

Flusspferd mit Kalb, 1958, Holzschnitt. Blatt 70x50 cm (Abb. ca. 41x16 cm), signiert Wittdorf 58, Auflage unbekannt. Aus der fünfteiligen Blattfolge "Tiermütter" (1 von 5).

Elefantenmutter mit Kind, 1958, Holzschnitt. Blatt 70x50 cm (Abb. 31x29 cm), signiert Wittdorf 58, Auflage unbekannt. Aus der Blattfolge "Tiermütter" (2 von 5). 

Nashorn mit Kalb, 1958, Holzschnitt. Blatt 40x50 cm. Auflage unbekannt. Aus der fünfteiligen Blattfolge "Tiermütter" (3 von 5).

Eisbärin mit Jungen, 1958. Holzschnitt. Handabreibung auf Papier, Blatt ca. 60 x 48 cm, signiert Wittdorf, Auflage unbekannt. Aus der fünfteiligen Blattfolge "Tiermütter" (4 von 5). 

Kamelmutter mit Kind, Holzschnitt, 1958. Blatt ca. 48 x 42 cm, signiert Wittdorf, Auflage unbekannt. Aus der fünfteiligen Blattfolge "Tiermütter" (5 von 5). 

Weitere Holzschnitte

Wittdorf, Jürgen: Liegender Akt, 1964, Holzschnitt. Blatt 34 x 70 cm, signiert Wittdorf 64.

Wittdorf, Jürgen: Tiere auf dem Bauernhof, 1959, Holzschnitt. Handabreibung auf Papier, Blatt 70 x 50 cm. Zuvor auch unter dem Titel "Tierschau Markkleeberg" im Lesebuch der DDR abgebildet. 

Wittdorf, Jürgen: Holzschnitt, 1967. Druck 1/9 aus der Mappe „Sterne, unendliches Glühen...“ zu Ehren des Dichters Johannes R. Becher. Blatt 58x41 cm.

Serie von Holzschnitten nach Motiven aus dem Dschungelbuch von  Rudyard Kipling. Studienarbeit 1955. Gerahmt 90x70 cm.

Wittdorf, Jürgen: Im Tierpark (Zebras), Holzschnitt, 1958. Einer der seltenen mehrfarbigen Holzschnitte.


Wittdorf, Jürgen: Kinder in Taubenwolke. Holzschnitt, 1961. 


Wittdorf, Jürgen: Kinder in Tierpark mit Elefant. Holzschnitt, 1958. 


Wittdorf, Jürgen: Kinder in Maisfe. Holzschnitt, 1959. 


Wittdorf, Jürgen:  Braunbären, Holzschnitt, 1955. Handabreibung auf Papier, Blatt ca. 50 x 35 cm.


Wittdorf, Jürgen:  Stierkampf, 1956, Holzschnitt. Blatt 14x20 cm, Wittdorf 56. 


Wittdorf, Jürgen:   Zuchteber, 1959, Holzschnitt, 75x31 cm (Blatt 80x60).